Senegals vermeintliche Exportüberschüsse
Zum Auftakt der Abi-Prüfungen in Niedersachsen gab es mal wieder eine Panne, auch Schülerinnen und Schüler im Heidekreis mit dem Prüfungsfach Erdkunde waren betroffen. Foto: Adobe Stock
Die Abiturprüfungen in Niedersachsen sind am Montag erneut mit einer peinlichen Panne gestartet. Im Fach Erdkunde wurde den Schülerinnen und Schülern nach Informationen dieser Zeitung eine Prüfungsfrage mit falschen Zahlen vorgelegt. Konkret wurde Import und Export vertauscht, mit dem absurden Ergebnis, dass dem Senegal, einem der ärmsten Länder der Welt, ein kräftiger Exportüberschuss bescheinigt wurde. Wer das für bare Münze nahm, kam zwangsläufig zu sachlich falschen Ergebnissen. Nach der Abiturprüfung erklärt ein Schüler aus Soltau, ihm seien die Zahlen zum Senegal „eigenartig“ vorgekommen – aber welcher Prüfling in einer stressigen Abi-Situation hat schon den Mut, Angaben in der Fragestellung selbstständig zu korrigieren und damit zu riskieren, glatt durchzufallen?
Verantwortlich für den Fauxpas ist das Kultusministerium, das die Prüfungsaufgaben seit Einführung des Zentralabiturs 2006 allen Schulen im Land verbindlich vorsetzt. Rechenfehler, im Vorfeld gestohlene Aufgaben und fragwürdige Textbeispiele sorgen dabei immer wieder für Schlagzeilen und auch manche Häme (BZ vom 28. März: „Die Abitur-Aufreger in Niedersachsen“). Pleiten, Pech und Pannen beim Abitur entbehren oft nicht einer gewissen Komik – die sich freilich nur denjenigen erschließt, die nicht selbst nervös in den Prüfungen sitzen.
Den Begriff „peinlich“ möchte sich Volker Wrigge, Schulleiter des Gymnasiums Soltau, nicht zu eigen machen. „Es ist ärgerlich und schade für die betroffenen Schüler.“ Wrigge warnt aber auch davor, die Vorgänge zu dramatisieren und den Abi-Jahrgang unnötig zu verunsichern. Das Kultusministerium habe inzwischen immerhin schon gewisse Erfahrungen, wie mit Pannen dieser Art umzugehen ist, erklärt Wrigge leicht süffisant.
Ministerium sagt wohlwollende Korrektur zu
Nachteile bei der Benotung bräuchten Schüler nicht zu erwarten, denn auf den falschen Angaben in der Aufgabe basierende Folgefehler dürften nicht negativ gewertet werden. Das hat die Schulbehörde zugesagt. Wrigge geht von einer tendenziell großzügigen Bewertung der betroffenen Arbeiten aus. Im Übrigen seien vermutlich insgesamt nicht so viele Abiturienten von dem Fauxpas betroffen, wie manche nun befürchten mögen. Zum einen haben natürlich nicht alle Erdkunde als Prüfungsfach gewählt. Zum anderen wurden in dem Fach zwei parallele Abituraufgaben angeboten, und nur in einer davon war der Wurm drin. Wer sich nicht mit dem Senegal befasste, schrieb sein Abitur zum Thema Moore.
In der KGS Schneverdingen fiel der Fehler in der Abiturprüfung noch am gleichen Tag, aber erst am Abend, auf. „Eine Schülerin hat sich gemeldet und gefragt, ob es sein kann, dass Zahlen vertauscht worden sind“, erzählt KGS-Schulleiter Mani Taghi-Khani auf Nachfrage. „Das haben wir dann überprüft und festgestellt, dass dem so ist.“ Taghi-Khani wartete bis zum gestrigen Dienstagmorgen ab, doch das Kultusministerium kam nicht von sich aus auf die Schulen zu. „Deswegen habe ich dann bei der Logistikstelle im Ministerium angerufen“, berichtet er.
„Vorbereitungen der Abiturprüfungen optimiert“ – tönt die Ministerin
Dort war das Versehen inzwischen aufgefallen. Die Behörde scheint die Abiturprüfung nicht wiederholen zu wollen, auch Wrigge geht nicht von einem solchen Schritt aus. Stattdessen setzt man in Hannover auf eine wohlwollende Korrektur, die verhindern soll, dass sich der Fehler der Behörde nachteilig auf die Abiturnote auswirkt. Die Umsetzung der Direktive aus der Landeshauptstadt dürfte allerdings in der Praxis schwer umsetzbar sein. Nicht nur die betroffenen Schüler dürften sich fragen: Wie soll eine Antwort, die auf einer falschen Voraussetzung beruht und dementsprechend argumentiert, „nicht negativ bewertet werden“, wie es das Ministerium nun verlangt? Wie kann ein zentraler und inhaltlich falscher Bestandteil der Antwort ausgeblendet werden?
Beim Kultusministerium gibt man sich zerknirscht, offiziell an die Öffentlichkeit gegangen ist man mit der Panne bislang noch nicht. „Wir prüfen den Vorgang“, verweist eine Sprecherin gegenüber der BZ kurz angebunden auf eine noch zu erstellende Erklärung für die Presse. Die zuständige Ministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) erklärt im Internet, dass ihr Haus Konsequenzen aus Pannen der Vergangenheit gezogen habe. „Das Niedersächsische Kultusministerium optimiert Vorbereitungen der Abiturprüfungen 2025“, tönt es da. Tatsächlich scheint es aber noch Luft nach oben zu geben, ähnlich wie in der Exportwirtschaft des Senegal.